Heute wird die Currywurst 70 Jahre alt. Oder vielmehr hat die Legende ihrer Erfindung Geburtstag: Am 4. September 1949 habe Herta Heuwer (1913-1999), die im Berlin der Nachkriegszeit eine Imbissbude im Rotlichtviertel Charlottenburgs betrieb, „aus Langeweile, weil keine Kundschaft kam, mit Tomatenmark, Pfeffer und diversen exotischen Gewürzen experimentiert und dabei zufällig die echte Currysauce kreiert, die nichts mit späteren Ketchup-Mixturen anderer Buden zu tun habe“, so Petra Foede in ihrem 2009 erschienenen Buch über „kulinarische Legenden“. Den Namen ihrer Wurstsauce, Chillup – eine Zusammensetzung der Wörter Chili und Ketchup – ließ sich Herta Heuwer allerdings erst zehn Jahre später als Marke schützen. Foede schreibt:

Die Erzählung der Berliner „Wurstkönigin“ blieb lange Zeit unwidersprochen. Bis 1993 Uwe Timms Novelle „Die Entdeckung der Currywurst“ erschien. Die Hauptfigur Lena Brücker, die in dem Buch einen Imbiss auf dem Hamburger Großneumarkt führt und 1947 durch Zufall eine Currysauce für ihre Wurst erfindet, ist zwar fiktiv, doch Timm beharrt darauf, dass er als Kind schon vor 1949 Currywurst gegessen habe, und zwar in der Hansestadt. Heftiger Protest aus Berlin war die Folge.

Patent – und damit basta?

„Ich habe das Patent – und damit basta. Wer etwas anderes behauptet, der hat einen Stich“, soll Herta Heuwer dazu gesagt haben. Schon vor 1993 hingen an ihrer Imbissbude Plakate mit Aufschriften wie „Oft kopiert und nie erreicht“ oder „Erste Currywurst der Welt“. Timms persönliche Erinnerung beweise, so Petra Foede, in der Tat nichts, dafür sei sie viel zu vage – was aber nicht automatisch für die Darstellung von Herta Heuwer sprechen müsse. Immerhin habe es vor 1959 keinen offiziellen Beleg für die Sauce gegeben; die genaue Rezeptur habe Heuwer nie verraten, 1978 will sie das notierte Originalrezept vernichtet haben. In Timms Novelle heißt es:

Die meisten bezweifelten, dass die Currywurst erfunden worden ist. Und dann noch von einer bestimmten Person? Ist das nicht wie mit Mythen, Märchen, Wandersagen, den Legenden, an denen nicht nur einer, sondern viele gearbeitet haben? Gibt es den Entdecker der Frikadelle? Sind solche Speisen nicht kollektive Leistungen? Speisen, die sich langsam herausbilden, nach der Logik ihrer materiellen Bedingungen, so wie es beispielsweise bei der Frikadelle gewesen sein mag: Man hatte Brotreste und nur wenig Fleisch, wollte aber den Magen füllen, da bot sich der Griff zu beiden an und war noch dazu voller Lust, man musste das Fleisch und das Brot ja zusammenmanschen. Viele werden es getan haben, gleichzeitig, an verschiedenen Orten, un ddie unterschiedlichen Namen bezeugen es ja auch: Fleischbengelchen, Boulette, Fleischpflanzerl, Hasenohr, Fleischplätzchen. – Schon möglich, sagte ich, aber bei der Currywurst ist es anders, schon der Name verrät es, er verbindet das Fernste mit den Nächsten, den Curry mit der Wurst. Und diese Verbindung, die einer Entdeckung gleichkam, stammt von Frau Brücker und wurde irgendwann Mitte der vierziger Jahre gemacht.

Kurz nachdem die Stadt Berlin im Jahr 2003 eine Gedenktafel für Herta Heuwer am ehemaligen Standort ihrer Imbissbude anbringen ließ, zog Hamburg mit einer Tafel für die Romanfigur Lena Brücker nach; die Hauptstadt konterte 2009 mit der Einrichtung eines Currywurst-Museums, das seit dem 21. Dezember 2018 allerdings wieder geschlossen ist. Zum 70. Jubiläum hat die Stadt Berlin der Currywurst in diesem Jahr sogar eine Gedenkmedaille gewidmet.

Wie es in einem kürzlich erschienenen Zeitungsartikel heißt, soll die Currywurst neuerdings sogar eine Erfindung aus Niedersachsen sein. So sehe es jedenfalls Alexander Fürst zu Schaumburg-Lippe aus Bückeburg bei Hannover. Geburtsort der Currywurst sei nachweislich seine Schlossküche, behauptet er. Ein Küchenmeister soll dort nach dem Krieg für Offiziere der britischen Rheinarmee aus Aprikosenmarmelade, Tomatenketchup, Curry und Salz eine Soße bereitet haben – und das schon 1946. Und auch im Ruhrgebiet gibt es Leute, die dort Belege für die Frühzeit der Currywurst gefunden haben wollen.

Nicht das geringste Geheimnis?

Herta Heuwer legte immer Wert darauf, weder eine fertige Currypulver-Mischung, noch Ketchup dafür verwendet zu haben. Vermengt habe sie damals Tomatenmark, Wasser und „indische Gewürze“. Curry war jedenfalls auch in Deutschland schon vor dem Krieg bekannt. In einem Gewürzlexikon heißt es:

Curry ist wohl die bekannteste Gewürzmischung. Sie ist zwar ein indisches Produkt, aber genau genommen eine Erfindung der Engländer. Die britischen Kolonialherren fanden Gefallen an der aromatischen Küche Indiens. Sie wollten nicht nur in diesem Kolonialgebiet so aromatische Gerichte genießen, sondern auch Zuhause auf der kalten Insel. Als ihnen die Gewürzvielfalt zugetragen wurde, mit der in der indischen Küche gekocht wird, schien ihnen im ersten Moment das Nachahmen unmöglich, bis sie schließlich auf die Idee kamen, von ihren indischen Köchen und Gewürzhändlern eine Mischung entwickeln zu lassen, mit der universell alle indischen Gerichte in England abgeschmeckt werden sollten.

Eine Annonce eines Händlers in London, der fertig gemischtes Currypulver bewarb, lässt sich bereits für 1784 nachweisen. Populär wurde Currypulver in England im Laufe der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts; um 1850 enthielten bereits die meisten britischen Kochbücher Rezepte, die nach Currypulver verlangten. Im deutschen Buch Das Alphabet der Küche von Erich Urban, das 1929 erschien, ist zu lesen: „Curry-Pulver. Ein dem Paprika an Schärfe gleichkommendes Gewürzpulver, das aus Indien stammt und über England in ganz Europa eingeführt wurde. Bestandteile: Curcuma, Coriander, schwarzer Pfeffer, Ingwer, Zimt, Muskatblüte, Gewürznelken, Kardamom, Kümmel, Cayennepfeffer.“ 1999, nachdem Herta Heuwer gestorben war, war im Tagesspiegel zu lesen:

Gestern wurde die legendäre Wurstverkäuferin zu Grabe getragen, nach einem Leben bescheidenen Wohlstands. Die 30 Jahre in der Bude am Stuttgarter Platz und das Patent haben einiges abgeworfen, wenig angesichts der Tatsache, dass man in Amerika mit einem derartigen Genieblitz im Allgemeinen Milliardär zu werden pflegt. Ein wenig rührend ist es dennoch, wenn jetzt Wurstforscher beklagen, die Erfinderin habe ihr „streng gehütetes Geheimnis mit ins Grab genommen“. Tomatenmark, Wasser und zehn indische Gewürze – soviel wissen wir, aber wir wissen auch, dass die Mischung etwa zehn indischer Gewürze gemeinhin den Namen „Curry“ trägt. So steht zu vermuten, dass es am Ende zwar den Mythos gab und die Wurst zum Mitnehmen, aber nicht das geringste Geheimnis.

Die Zeiten ändern sich

Wie dem auch sei: In seinem Beitrag zum Geburtstag der Currywurst weist das ZDF darauf hin, dass die Zeiten sich ändern. In Zeiten von „öko“ und „bio“ gebe es den Klassiker an immer mehr Imbissbuden auch in der veganen Variante. Damit, wenn in einer Gruppe oder Familie eine Person dabei sei, die sich vegan ernähre, diese „nicht hungrig danebensitzt“, wolle sie eine vegane Currywurst mit veganem Kartoffelsalat anbieten, sagt gegenüber dem ZDF Imbisschefin Dagmar Konnopke. Schon 1930 startete ihr Großvater Max Konnopke als „Wurstmaxe“ den Verkauf; erst mit Bauchladen, dann mit Wurst-Wagen, bis zum legendären Imbiss-Stand im Prenzlauer Berg – „Konnopke’s Imbiß“ gilt als erster Imbiss-Stand in Ost-Berlin, bei dem im Jahr 1960 die Currywurst auch in der DDR eingeführt wurde. 30 Jahre lang verkaufte die Familie ihre Mahlzeiten in der Planwirtschaft zum vorgegebenen Preis; 1990 ersetzte die D-Mark die Ost-Mark, allmählich verdrängten Grafik-Designer die Arbeiter aus den Hinterhöfen der Umgebung, wie das Wirtschaftsmagazin brand eins berichtet.

Wenn sogar ein solches Traditionsunternehmen inzwischen auch vegane Currywurst anbietet, dann kann man schon sagen, dass dies einen kulturellen Wandel markiert, der sich langsam vollzieht. Noch vor ein paar Jahren hätte wohl auch kaum jemand gedacht, dass ein Männermagazin über ein veganes Naturkost-Produkt – noch dazu eine Wurstalternative – schreiben würde: „Schwein gehabt! Oder in diesem Fall: Weizeneiweiß mit leckerer Kräuternote. Da lassen Sie das Bratwürstchen vom Schlachter gern mal links liegen.“ Genau das hat ausgerechnet „Men’s Health“ über unsere Thuringen geschrieben. Die Zeitschrift testete vegetarische und vegane Würste und war offenbar begeistert. Unsere „Helle“ entfaltet ihre feine Kräuternote in einem zarten Brät – und eignet sich, neben unserer La Rossa, besonders gut für vegane Currywurst. Auch der Berliner Komödiantin Carola Neitzel, die in ihrer Rolle der „Curry Herta“ in ihrem Programm mit viel Witz und Spontanität die Geschichte von der Erfindung der Currywurst erzählt, schmeckt die vegane Wheaty-Currywurst „hervorragend“, wie wie sagt.

Veganen Proteinen gehört die Zukunft

Mit veganer Currywurst hat auch der Fernsehkoch Christian Rach in seiner Sendung „Rach tischt auf“ ein Experiment gemacht: In einer Bundeswehr-Kaserne im „Bratwurstland“ Thüringen testete er, ob die Soldaten es merken, wenn man ihnen ohne ihr Wissen eine vegane Currywurst unterjubelt. Er erzählte ihnen, dass es um die Bewertung dreier verschiedener Curry-Saucen gehe. „Damit hätte ich nun überhaupt nicht gerechnet: Kein einziger dieser Soldaten, Soldatinnen, merkt, dass sie überhaupt keine Wurst essen, sondern rein vegan.“ Als er sie fragte, wie ihnen die Wurst geschmeckt habe, antworteten sie: „Sehr gut“. Nachdem er den Schwindel aufgeklärt hatte, blickte er „in hundert fassungslose Gesichter“. Anschließend ließ er noch fünf verschiedene vegane Würste – ohne Saucen – verkosten und bewerten. Jetzt gab es einen klaren Favoriten: Die Wurst, die bei den Soldaten eindeutig am besten abgeschnitten hat, war die Vegane Bratwurst von Wheaty. Diese hat gegenüber einer traditionellen Bratwurst übrigens auch den Vorteil, einen unschlagbar kleinen Fettgehalt von nur 2,3 Prozent Fett zu haben – sie darf deshalb auch das Prädikat „Von EatSmarter! empfohlen“ tragen – eine Jury aus Ärzten und Ernährungsforschern wählte sie für das Magazin unter die gesündesten Grillprodukte 2013. Es kommt also nicht nur auf die Sauce an: Vegane Wurst ist auch nicht gleich vegane Wurst. Was eine gute vegane Wurst ausmacht, erklärte der Erfinder der Seitan-Wurst, Klaus Gaiser, im Jahr 2014 in einem Interview mit dem „Curry Kartell“.

Während viele Imbisse vegane Produkte ganz normal als Erweiterung ihres Sortiments mit aufnehmen, bekommen es andere angesichts des zunehmenden Erfolges von Fleischalternativen offenbar mit der Angst zu tun – speziell die Fleischlobby und ihr nahestehende politische Vertreter. So forderte der damalige Agrarminister Christian Schmidt als „Sturmgeschütz der deutschen Fleischindustrie“ (Handelsblatt) Ende 2016 lauthals, man müsse „Fleischbezeichnungen“ für vegetarische und vegane Produkte verbieten. Das Aus für die vegane Currywurst, titelte Zeit Online damals, im Januar 2017 verkündete Springers Welt: EU-Gesundheitskommissar: Deutschland darf jetzt die „vegane Currywurst“ verbieten. Dazu gekommen ist es bis heute nicht – auch wenn es nach wie vor entsprechende Versuche gibt. Gegen diese richtet sich unsere Petition zum Thema, die wir zusammen mit anderen bio-veganen Herstellern gestartet haben. Wir glauben, dass der Fortschritt sich nicht aufhalten lässt – angesichts drängender Umweltprobleme, neuer Erkenntnisse der Ernährungs- und Gesundheitswissenschaft sowie eines sich verändernden Bewusstseins, was Tiere und Tierhaltung angeht, gehören veganen Proteinen die Zukunft!