Jagdwurst-Jürgen vs. Dinkel-Dörte Warum vegane Wurst wie Wurst aussieht – und auch so heißt

Jagdwurst-Jürgen vs. Dinkel-Dörte Warum vegane Wurst wie Wurst aussieht – und auch so heißt

Jürgen ist sauer. Sehr sogar. Vegane Wurst heißt wie Wurst, sieht aus wie Wurst – und schmeckt womöglich auch noch gut. Für ihn ist klar: Das darf nicht sein. Warum nennt man etwas „Wurst“, das nicht aus Fleisch ist? Und ist das eigentlich legitim oder nur Provokation? Die typische Kommentarspalte unter Beiträgen zu veganen Produkten entpuppt sich bei näherem Hinsehen als erstaunlich alte Debatte über Esskultur, Tradition und Wandel.

Wer sich länger in Kommentarspalten aufhält, kennt es: Unter einem Posting zu veganer Wurst oder einem Veggie-Burger dauert es selten lange, bis jemand empört fragt, warum ein pflanzliches Produkt „so heißen darf“ oder „so aussehen muss“. Schließlich sei das doch Täuschung, inkonsequent oder gleich ein Angriff auf die Esskultur. Nennen wir ihn Jagdwurst-Jürgen. Er ist überzeugt: Wenn etwas nicht aus Fleisch ist, darf es weder Wurst heißen noch so aussehen. Punkt.

Jagdwurst‑Jürgen meldet sich zu Wort

Jagdwurst‑Jürgen liebt Fleisch. Oder genauer gesagt: Er liebt das, was er als Fleisch kennt – Form, Namen, Rituale, Kindheitserinnerungen. Wenn ihm beim Scrollen plötzlich eine vegane Wurst begegnet, ist sein Weltbild erschüttert. Wütend haut er in die Tasten.

„Das werde ich nie verstehen“, schreibt Jagdwurst-Jürgen. „Ich bastle mir doch auch keinen Salat aus Wurst. Wer vegan ist, braucht auch keine Wurst.“ Veganer, so sein Vorwurf, verachten Fleisch und die damit verbundene kulinarische Tradition, wollen aber gleichzeitig Ersatzprodukte, die genauso schmecken wie Fleisch – was, wie er betont, „sowieso nur mit Chemie und Zusatzstoffen“ funktioniere.

Besonders ärgert ihn die Sprache: Warum denkt man sich nicht endlich „eigene Produktbezeichnungen“ aus? Es sei „pure Heuchelei“, sich gegen Nutztierhaltung und Fleischprodukte zu entscheiden, aber vegane Erzeugnisse so zu benennen, als wären sie mit Fleisch gleichzusetzen. „Vegane Wurst“, spottet er, „was kommt als Nächstes – veganer Saumagen?“ Früher habe es so etwas nicht gegeben. Das alles sei inkonsequent, irreführend und gehöre verboten. Und überhaupt, stellt Jürgen klar: „Ich lasse mir mein Schnitzel nicht verbieten.

Wurst: Weder Geschenk der Natur noch platonische Idee

Was Jagdwurst-Jürgen dabei gern übersieht: Wurst aus Fleisch ist nicht natur- oder gottgegeben. Sie wächst nicht am Tier. Begriffe wie Burger, Schnitzel oder Wurst beschreiben vor allem Form, Verarbeitung und kulinarische Funktion – nicht zwingend die Zutat. Wurst ist eine Technik: zerkleinern, würzen, formen, haltbar machen. Genau deshalb lässt sich dieses Prinzip auch mit pflanzlichen Zutaten anwenden. Wer sagt, eine Wurst müsse Fleisch enthalten, verwechselt Zutat mit Herstellungsweise.

Auch sprachlich ist das wenig haltbar. „Burger“ kommt von Hamburger und geht wohl auf die US-amerikanischen Einwanderer aus Hamburg zurück. „Schnitzel“ kommt vom mittelhochdeutschen „sniz“ – „Schnitt“. „Wurst“ geht etymologisch wohl auf Bedeutungen wie „drehen“ und „wenden“ zurück. Vom Wortsinn her müssen diese Begriffe also keine Fleischprodukte bezeichnen, auch wenn sie unter anderem dafür verwendet werden. Eine Wurst aber kann, wie die Gesellschaft für deutsche Sprache schreibt, einfach etwas sein, das „die Form einer länglichen Rolle hat“, also nicht einmal ein Lebensmittel sein muss. Auch Schnitzel können alles Mögliche sein – so bezeichnet beispielsweise das Wort Hackschnitzel nicht nur ein „Schnitzel“ aus Hackfleisch, sondern auch Hackgut aus Holz. Das Sellerieschnitzel ist ein traditionelles Gericht, das bereits unseren Großeltern bekannt war.

Früher gab es das sehr wohl

Die Vorstellung, vegetarische oder vegane Speisen seien eine moderne Erfindung, ist historisch schlicht falsch. Fleischlose Küche hat eine lange Tradition – aus religiösen, wirtschaftlichen oder gesundheitlichen Gründen. Der Historiker Uwe Spiekermann bringt es auf den Punkt: „Die Geschichte von Fleisch ist von Beginn an eine Geschichte des Fleischersatzes.“

Gerade die christlichen Fastenzeiten führten über Jahrhunderte hinweg zu kreativen Lösungen. Fleisch, Eier und Milchprodukte waren untersagt, der Wunsch nach vertrauten Gerichten blieb. Also kochte man bekannte Speisen auf pflanzlicher Basis nach. Schon im Mittelalter gab es Milch und Käse aus Mandeln, Nüssen, Mohn und auch Hanf. Es wurden Eier aus Mandelmilch oder „Rehbraten“ aus Früchten hergestellt. Auch wenn das mit einem „echten“ Rehbraten nicht viel zu tun hatte, wurden solche Gerichte weiterhin Braten genannt – schließlich sollten sie genau das sein: funktionale, kulinarische Entsprechungen.

In Asien existiert seit rund 1500 Jahren eine originär vegetarische Tradition der Fleischnachahmung. In buddhistischen Klöstern entstanden aus Seitan und Tofu pflanzliche Entsprechungen beliebter Fleischgerichte, die bis heute genauso heißen wie ihre tierischen Vorbilder. Fleisch nachzubilden ist also keine Täuschung, sondern eine alte Kulturtechnik – definitiv älter als jede Fleischtheke im Supermarkt.

Verbote gab es schon einmal

Hierzulande entwickelte die sogenannte Lebensreformbewegung bereits im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert Fleischalternativen. Die oft „Pflanzenfleisch“ genannte Produkte wurden in eigenen Werken produziert und über die Reformhäuser vertrieben. Neben Fleischersatz entstanden auch zahlreiche weitere Alternativen zu Tierprodukten. Bereits damals wurden solche Entwicklungen mit Restriktionen bedacht – um der „Verwechslung“ mit Butter vorzubeugen, wurde etwa für alle Margarine-Arten die Würfelform vorgeschrieben, die Bezeichnung „Pflanzenbutter“ wurde verboten.

Geschichte wiederholt sich: Heute wird auf EU-Ebene darüber diskutiert, ob Bezeichnungen wie „Wurst“ oder „Burger“ künftig ausschließlich Fleischprodukten vorbehalten sein sollen. Obschon ein von Foodwatch in Auftrag gegebenes juristisches Gutachten zum Ergebnis gekommen ist, dass ein solches Verbot rechtswidrig wäre: Jagdwurst-Jürgen stimmt lauthals ein in den Chor der Lobbyisten der Fleischindustrie, die Fleischalternativen aus den Regalen drängen möchten, angeblich wieder im Namen des Verbraucherschutzes. Ironischerweise wirft er, während er eine solche Verbotspolitik fordert, gleichzeitig Veganern vor, sie wollten ihm vorschreiben, was er zu essen habe und was nicht.

Flashback: Shitstorm gegen vegane Wurst vor 100 Jahren

Wer glaubt, die Diskussion sei eine Erfindung sozialer Medien, irrt. Schon 1913 empörte sich der Vegetarier Wilhelm Kiefer in der Zeitschrift Vegetarische Warte in einem Artikel mit dem Titel „Vegetarische Dummheiten“ über „vegetarische Schnitzel“, „Nuss-Steaks“ und „falschen Hasen“. Warum man nicht einfach „Getreide-Bratenmasse“ sage, fragte er – und schrieb: „Ich habe mich schon gewundert, dass die Eifrigsten noch nicht zum vegetarischen Schweinebraten oder zur vegetarischen Metzelsuppe mit vegetarischer Blut- und Leberwurst übergegangen sind.“ Der dogmatische Fleischverächter ging sogar so weit, Vegetariern, die „eines Fleischersatzes bedürfen“, insbesondere eines solchen, der in seinem Geschmack herkömmlichen Fleischerzeugnissen ähnelt, abzusprechen, sich den Namen „Vegetarier“ überhaupt „mit vollem Rechte“ zuzuschreiben.

Na, kommt dir das bekannt vor, Jürgen? Eben. Die Argumente klingen verblüffend vertraut. Der Unterschied: Damals kam die Empörung aus vegetarischen Reihen. Heute aus fleischliebenden. Die Rollen haben sich gedreht, die Aufregung ist dieselbe geblieben. Dabei sind die Bezeichnungen doch einfach nur nützlich und dienen der Orientierung: Begriffe wie „Bratwurst“ oder „Roulade“ machen sofort klar, wie ein Produkt zubereitet wird, wozu es passt und was man geschmacklich erwarten kann.

Und heute? Entspann dich, Jürgen

Heute stehen wir vor sehr realen Problemen. Die Massentierhaltung hat massive Auswirkungen auf die Umwelt und die menschliche Gesundheit – von den Folgen für die Tiere ganz zu schweigen. Fleischalternativen sind eine Antwort darauf – keine ideologische Spielerei. Tatsächlich ist es dringend notwendig, umwelt- und tierfreundliche, gesunde Alternativen zu schaffen, die Fleischessern oder Umsteigern mit Vertrautem entgegenkommen.

Viele Menschen entscheiden sich aus ethischen, ökologischen oder gesundheitlichen Gründen gegen Fleisch – nicht, weil sie den Geschmack, die Küche oder die Esskultur ablehnen. Im Gegenteil: Sie möchten weiter so kochen, wie sie es gelernt haben. Nur ohne Tier. Vegane Würste sind deshalb keine Mogelpackung und kein Täuschungsversuch, sondern eine bewusste Weiterentwicklung. Sie stehen in einer langen Tradition von Alternativprodukten, die Bekanntes aufnehmen und neu interpretieren.

Pflanzliche Alternativen, die vertraut schmecken und heißen, sind eine Brücke. Für Umsteiger. Für Neugierige. Für alle, die weniger Fleisch essen wollen, ohne ihre Esskultur komplett neu erfinden zu müssen. Oder anders ausgedrückt: Der Koch-Spaß bleibt. Der Geschmack bleibt. Nur die Zutaten ändern sich. Eigentlich ganz einfach – oder? Also entspann dich, Jürgen. Vegane Produkte erweitern einfach die Auswahl – wie alkoholfreies Bier, laktosefreie Milch oder entkoffeinierter Kaffee. Über diese Produkte regt sich auch niemand auf, oder? Wie sagst du so gerne: Leben und leben lassen.

Dinkel‑Dörte lächelt milde – und beißt in ihren Hotdog

Jagdwurst-Jürgen wird sich vermutlich auch nach diesem Text noch aufregen. Das ist in Ordnung. Aber historisch betrachtet ist die Sache klar: Pflanzliche Fleischalternativen sind ein fester Bestandteil kulinarischer Geschichte – seit hunderten von Jahren.

Während Jürgen Wurst in Streifen schneidet, diese mit Dressing mischt und das Ganze dann „Salat“ nennt, lehnt Dörte sich entspannt zurück, lächelt milde und beißt in ihren Hotdog oder Burger. Sie weiß: Gerade diejenigen, die auf Fleisch verzichten, greifen gerne mal zu Alternativen, die den gewohnten Biss, den gewohnten Geschmack bieten – ohne die negativen Folgen der Fleischproduktion. Dass das auch in Bio-Qualität und ohne den Einsatz von Lebensmittelchemie möglich ist, weiß sie schon seit über 30 Jahren, als sie zum ersten Mal Wheaty im Reformhaus entdeckt hat.

In Wirklichkeit weiß auch Jürgen, dass hier niemand Verbote erlässt und niemand bevormundet wird. Vegane Wurst nimmt niemandem etwas weg. Vegane Wurst bedroht keinen. Sie richtet sich an Menschen, die weniger oder kein Fleisch essen wollen – aus ganz unterschiedlichen Gründen.

Sprache gehört allen. Und Esskultur ist nichts Starres, sondern verändert sich ständig. Was heute als selbstverständlich gilt, war gestern neu – und wurde oft genauso heftig diskutiert. Ein Blick in die Geschichte zeigt: Die lautesten Aufreger von heute sind meist die alten Debatten von gestern. Für Menschen, die Fleisch- und Wurstalternativen mögen, kann es allerdings ermüdend sein, immer wieder mit den gleichen Sprüchen konfrontiert zu werden. Falls die Debatte beim nächsten Posting also wieder losgeht: Dieser Text lässt sich problemlos verlinken.

Wheaty: bio + rein pflanzlich
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